7/23/2014

Rock Me Amadeus: Salzburgs größter Sohn reist nach Pressburg

Wir konnten den berühmtesten Sohn der Stadt an der Salzach und dessen Besuch in der Stadt an der Donau nicht außer Acht lassen – es war übrigens der einzige Besuch in Ungarn in seinem kurzen, aber so produktiven Leben.



Er war Superstar, er war populär,
er war so exaltiert, because er hatte Flair,
er war ein Virtuose, war ein Rockidol,
und alles rief: Come on, and rock me Amadeus!

Falco, Rock Me Amadeus





Ein musikalischer Superstar und Rockidol, so rapt im Jahr 1985 Falco in der Nummer „Rock Me Amadeus“ über Mozart, den größten Sohn Salzburgs. Falco schaffte damit etwas, was kein österreichischer Musiker (der Neuzeit) vor oder nach ihm erreichte, nämlich Platz eins für eine Single in den US-Charts. Zwar provozierte der Punk-Mozart die konservativen Liebhaber klassicher Musik, doch genau in dieser Rolle des Provokateurs sah sich Falco wohl gern. Auf jeden Fall sicherte ihm die Nummer Weltruhm. Mozart selbst hatte eine solche Werbung nicht nötig. Er war bereits seit 200 Jahren weltberühmt. Solche Talente kommen nicht alle Tage auf die Welt. Genauer müsste man 201 Jahre schreiben, denn so viele trennen die Geburt von Mozart und Falco. Es waren andere Zeiten, und Vergleiche allzu sehr zu strapazieren, wäre unsinnig. Doch sicher ist, dass beide hochgesteckte Ziele hatten, ein schnelles Lebenstempo und musikalisches Talent. Und es war ihnen ein kurzes Leben beschieden. Zurück blieb ihre Musik, die, so unterschiedlich sie auch sein mag, für die jeweiligen Fans auf jeden Fall außergewöhnlich ist. Nicht wenige Menschen hören beide gern.

Was hat Falco inspiriert, ausgerechnet den Song „Rock Me Amadeus“ zu schreiben? Gründe hat es wahrscheinlich mehrere gegeben, aber zwei sind den Autoren bekannt: Erstens sah sich Falco wohl gern in der Rolle des Mozart seiner Zeit, und zweitens wurde er von einem Film inspiriert, der Amadeus heißt. Der Regisseur des Streifens ist so außergewöhnlich und passt so gut in unser Buch, dass wir uns einen kurzen thematischen Exkurs erlauben: Miloš Forman wurde 1932 in der Tschechoslowakei geboren, seine beiden Eltern starben in Konzentrationslagern. Einer seiner Klassenkameraden in der Internatsschule, die er besuchte, war Václav Havel. Nach dem Prager Frühling zwang man Forman praktisch zur Emigration, was eine steile Karriere in den USA ermöglichte: Einer flog über das Kuckucksnest erhielt fünf Oscars und Forman seinen ersten Regie-Oscar. Doch selbst dieser Erfolg wurde im Jahr 1985 durch Amadeus in den Schatten gestellt: Der Film gewann achtmal, und Forman erhielt seinen zweiten Regie-Oscar.
Was Falco darstellte, inspirierte auch Forman zur Schaffung seiner Filmfiguren: Meist waren es Künstler und unangepasste Helden, die sich den Normen der Zeit und der Gesellschaft widersetzten. Die Dreharbeiten fanden übrigens überwiegend in Prag (zum Teil auch in Wien) statt. Wie auch immer man es anstellt, immer wieder tauchen die verschiedensten Verbindungen zwischen den Themen der Recherchen auf: die einstige Tschechoslowakei, Pressburg, Salzburg – und ihr größter Sohn Mozart.
Wenn man in Salzburg lebt, ärgert man sich nicht selten über die völlig verstopfte Getreidegasse, und ganz speziell über den neuralgischsten Punkt dieser berühmtesten aller Salzburger historischen Gassen: Mozarts Geburtshaus, das auch Hagenauerhaus genannt wird. Hier hat das Musikgenie am 27. Jänner 1756 als siebentes Kind der Familie das Licht der Welt erblickt. Warum man hier so schwer durchkommt, wird verständlicher, wenn man sich die Informationen der Stiftung Mozarteum zu diesem Haus anschaut: Es soll zu den meistbesuchten Museen der Welt zählen. Ob diese Behauptung der Stiftung Mozarteum stimmt, konnten die Autoren nicht überprüfen, dass man aber als Salzburger täglich den Eindruck gewinnt, dass dies stimmen könnte, kann kaum geleugnet werden. Manche Besucher staunen, dass man an der berühmtesten Adresse Salzburgs auch die Filiale einer großen Supermartkette findet. Dass Mozart außerdem in bald jedem zweiten Haus der Getreidegasse in Form von Schokoladekugeln und weiteren Produkten vermarktet wird, braucht man gar nicht näher zu erläutern.

Das angesprochene Phänomen hat zwischenzeitlich derartig skurrile Blüten getrieben, dass es uns unmöglich erscheint, nicht kurz dabei zu verweilen. In einem Artikel der Salzburger Nachrichten aus dem Jahr 2005, der mit „Mozart-Vermarktung ohne Hemmungen“ betitelt ist, kann man ein gutes Bild von den Entwicklungen bekommen. Man würde es nicht für möglich halten, aber es gibt nichts, was es in Zusammenhang mit Mozart nicht gibt. Immerhin gilt Mozart als eine der bekanntesten Marken weltweit – und sie ist nicht geschützt!
Die fantasievollen Produkte schossen vor allem seit dem Mozartjahr 2006 wie Schwammerln aus dem Boden. Mögen Musikliebhaber und Mozartfans noch so verständnislos den Kopf schütteln, Geschäft ist Geschäft. Der Rubel muss rollen, und das ist heute nicht mehr bloß sprichwörtlich, sondern auch wortwörtlich zu nehmen: Russische Touristen hört man auf Schritt und Tritt. Wer also glaubt, die legendären Mozartkugeln stehen im Mittelpunkt, der war entweder lange nicht mehr in Salzburg oder er beachtet seine Umwelt nicht aufmerksam genug. Klar, die Kugeln sind allgegenwärtig, doch gibt es auch Schirme, Mozart-Puzzle, quitschende und Geige spielende Badezimmer-Enten mit weißer Perücke, Socken wie auch Krawatten, Comicfiguren, Bierkrügerln, Stamperln, Häferln, Teller, Liköre, Parfüms, Dosen, Mozart-Schnitten und -Torten, Servietten und Taschentücher, Schreib- und Spielwaren, „Mozart-Editionen“ für annähernd alles, „Papageno- und Amadeusmischungen“ ebenfalls mitsamt den passenden Teedosen, „Zauberflöte“ kann für alles mögliche stehen, ebenso wie „Kleine Nachtmusik“ oder „Cosi fan Tutte“, weiters Kleidungsstücke, Schreibzeug jeder Art, Golfbälle, Babyflascherln, Nudeln in Form von Mozarts Kopf und allerhand weitere Accessoires. So heterogen die Aufzählung scheint, all diese Gegenstände haben eine Gemeinsamkeit: Sie haben in irgendeiner Form einen Mozart aufgedruckt! Mag das Produkt noch so kitschig und unauthentisch für Salzburg sein, (nicht nur) bei asiatischen Kunden findet es garantiert Anklang. Ob es die 450 Gramm schwere Dauerwurst in Geigenform, die jeweils zur Hälfte aus Schweine- und Rindfleisch besteht und mit Muskatnuss und Pistazien versehen ist, immer noch gibt, diese „Mozartwurst“? Die stadteigene Brauerei Stiegl hat ein eigenes Mozart-Bier kreiert, dem ein Mozartwein folgte, und auch ein Mineralwasser der Marke „Mozart Quelle“ hat das Licht der Welt erblickt. Selbst in Japan soll es einen Reiswein mit dem Mozartlogo geben.

Doch ist die Fantasie mit hochgeistigen Getränken nicht erschöpft, auch Milchprodukte gibt es in Hülle und Fülle. Auffallend ist, dass die Mozartvermatktung gern mit dem Attribut „echt“ spielt: Der Handelskrieg zwischen echten und unechten Mozartkugeln ist in der Stadt an der Salzach hinreichend bekannt, doch gibt es genauso das „Echte Salzburger Mozart Dessertjogurt“ oder den „Echten Salzburger Mozart Drink“.
Es ist ganz klar, dass der Flughafen Salzburg „Wolfgang Amadeus Mozart“ heißt. Wir haben hier in der Stadt einen Mozartsteg wie auch einen Mozartplatz. Und nach einem Jahrhundert ist es seit dem Jahr 2002 wieder möglich, die Salzach mit einem Schiff zu befahren. Auch da hat es nicht viel an Fantasie gebraucht, um das Panorama-Schiff auf den passenden Namen „Amadeus Salzburg“ zu taufen.
Bei Streifzügen durch die Stadt unterliegen die Autoren öfters der Vesuchung und gönnen sich in der Konditorei Fürst nicht nur eine Mozartkugel, sondern auch das Konkurrenzprodukt völlig unterschiedlicher geometrischer Form, den Bachwürfel. Nur die „Original Mozartkugeln“ sind auch wirklich „Original Mozartkugeln“, denn sie werden nach dem Originalrezept und nach der Originalmethode Stück für Stück per Hand hergestellt. Sechs Jahre nachdem sich 1884 der Konditormeister Paul Fürst in Salzburg niergelassen hatte, stellte er 1890 erstmals das Mozart-Bonbon vor, das fast so weltberühmt werden sollte wie der musikalische Pate. Bereits 1905 erhielt Paul Fürst für die Mozartkugel aus grünem Pistazien-Marzipan, Nougat und Kuvertüre eine Goldmedaille bei einer Pariser Ausstellung. Doch schon damals begannen die Probleme, die mit unzähligen Gerichtsprozessen endeten: 1890 verkaufte Paul Fürst die Mozart-Bonbons, schon zehn Jahre später Carl Schatz (Konditoreien Holzermayr und Schatz) die Mozartkugeln. Zahlreiche weitere Nachahmungen folgten. Man kümmerte sich aber anfänglich mehr um die Rezepturen und weniger um den Schutz der Namen. Die Streitigkeiten sollten sich lange hinziehen und erst 1996 entschieden werden: Nur die Produkte der Firma Fürst dürfen „Original Salzburger Mozartkugel“ heißen, die Konkurrenten mussten sich mit anderen, aber sehr ähnlichen Namen begnügen, so mit „Echte Salzburger Mozartkugeln“ die Firma Mirabell in Grödig bei Salzburg oder mit „Echte Reber-Mozartkugeln“ die bayerischen Firma Reber. Die ist auch der mit Abstand weltgrößte Produzent für Mozartkugeln, diese Firma Paul Reber GmbH & Co. KG aus dem bayerischen Bad Reichenhall. Nicht weniger als 180 Millionen Kugeln produziert Reber jährlich, und das sind 500.000 täglich. Kein Wunder, dass man bei diesen Mengen mit Handarbeit nicht mehr weit kommt.

Mirabell gehört jetzt einem US-Konzern, und nach diversen Rechtstreitigkeiten darf nur diese industriell hergestellte Mozartkugel ganz rund sein. Alle anderen industriell produzierten Mozartkugeln müssen eine abgeflachte Stelle haben. Gut, dass der arme Mozart nicht mehr wissen konnte, dass sich der Bonner – später Berliner – Bundestag, österreichische Regierungsbeamte, Brüssel, die EG und später EU und wer weiß wer noch aller mit einer süßen Kugel beschäftigten, mit der er selbst rein gar nichts zu tun hatte.
Auch mit den wunderbaren musikalischen Einrichtungen der Stadt, die Mozarts Namen tragen, konnte das Musikgenie nicht persönlich zu tun haben, ist er doch viel zu früh gestorben. Die Universität Mozarteum Salzburg geht auf das Jahr 1841 zurück, der Dommusikverein und das Mozarteum wurden zum fünfzigsten Todestag von Wolfgang Amadeus Mozart gegründet. Die Musik der damaligen Stadt befand sich „tatsächlich in einem Zustand traurigen Verfalls“, wie zeitgenössische Beobachter formulierten, ganz anders nun in der Ära der Salzburger Festspiele. Das Ziel des Mozarteums sollte es sein, einen Aufschwung herbeizuführen, der dem Namen des Namenspatrons würdig wäre, in erster Linie als Konservatorium zur Heranbildung junger Musiker, aber auch um Konzerte mit guten Musikern zu veranstalten sowie um Stipendien an begabte Studenten des Konservatoriums zu verteilen. Hochgesteckte Ziele, die alle Geld benötigten.
1870 wurde daher die Internationale Mozartstiftung zur Förderung begabter Musiker ins Leben gerufen, die nach verschiedenen organisatorischen Umbauten zur Internationalen Stiftung Mozarteum wurde. Und auch die musikalische Ausbildungsstätte durchlief unter verschiedenen Namen eine Entwicklung: Öffentliche Musikschule Mozarteum, Reichshochschule Mozarteum, Musikhochschule, Akademie für Musik und darstellende Kunst Mozarteum und seit 1998 schließlich Universität Mozarteum Salzburg. Daneben gibt es aber auch noch die Internationale Stiftung Mozarteum und das Mozarteum Orchester Salzburg. Mozart würde sich wahrscheinlich nicht mehr auskennen.

Nach all den Salzburger Reminiszenzen an den größten Sohn der Stadt wollen wir uns unserem eigentlichen Thema zuwenden, dem Besuch des jungen Wolfgang Amadeus mit seiner Familie in Pressburg. Näher auf die Persönlichkeit Mozarts, sein Schaffen und seinen rätselhaften Tod einzugehen, würde den Rahmen dieses Buches um ein Vielfaches sprengen, abgesehen davon, dass darüber schon alles in unzähligen Bücher geschrieben wurde. Ist der angebliche Schädel Mozarts tatsächlich sein eigener Kopf? Wurde er tatsächlich vergiftet? All das lässt sich woanders nachlesen. Belassen wir es dabei, was im Wiener Totenbeschau-Buch steht: „Am 5. Dezember 1791 starb im kleinen Kaiserhaus an der Rauhensteingasse in Wien der Wohledle Herr Wolfgang Amadeus Mozart, K. K. Kapellmeister und Kammer Compositeur, gebürtig von Salzburg, im Alter von 35 Jahren an einem hitzigen Frieselfieber.“

Uns interessiert vor allem der Besuch der Mozarts in Pressburg. Der jüngere der Autoren arbeitet im historischen Stadtkern und spaziert täglich am einstigen Palais Palffy in der Venúrska ulica Nr. 10 vorbei. Es gehört zu seinen Liebslingsbeschäftigungen, sich unaufällig einer der ausländischen Reisegruppen anzuschließen, um zu erfahren, was so, in allen möglichen Sprachen, an Geschichten erzählt wird. Besonders schätzt er die österreichischen Reisegruppen, die vor allem aus Rentnern bestehen, weil er diese Ausführungen gut versteht. Das besagte Palais war bis vor kurzem noch die Adresse der österreichischen Botschaft. Doch das ist unwesentlich, es geht vielmehr um eine kleine Gedenktafel aus weißem Marmor, die besagt, dass im Jahr 1762 in diesem Haus der sechsjährige W. A. Mozart ein Konzert gegeben hat. Jede Reisegrupppe macht hier halt, und es folgt das obligate Klicken der Kameras und das dazugehörige Blitzlichtgewitter.


7/20/2014

Das Kreuz mit den Deutschen

Deutsche über Ungarn und Slawen: von politischer Korrektheit noch keine Rede …
 -Hinweis-
"Die magyarische Schule ist eine Schlachtbank für unsere Kinder,
wo man den Geist verdummt, ihre Seele zugrunde richtet,
weil sie den Religionsunterricht nicht verstehen und dann unsittliche schlechte Menschen werden.
Man schlägt sie fürs Leben tot."

Deutschungarischer Katechismus, 1907


Wir nehmen die antiungarische Gesinnung der Deutschen unter die Lupe. Die pangermanische Ideologie versuchte der Welt klarzumachen, dass es „geborene Herrenmenschen“ gebe, die einen natürlichen „Willen zur Macht“ sowie einen „selbstverständlichen Herrschaftsanspruch“ hätten, diesen aber der „dienende Charaktertyp“ gegenüberstand, der durch Unterwürfigkeit seine „eigene Wertminderheit“ unterstreicht. Die nichtgermanischen Völkerschaften des Habsburgerreichs wurden mit derartigen Ansichten ihrer deutsch sprechenden Mitmenschen konfrontiert.

Es muss nicht einmal die extremste Form der deutschen Herrenmensch-Ideologie sein, wie sie in der Zeit des Nationalsozialismus einen tragischen Höhepunkt erreichte. Herrenmenschen waren in diesem Weltbild das Gegenstück zu den Untermenschen, deren Unterlegenheit nicht mehr bloß kulturell, soziologisch und wirtschaftlich begründet wurde, sondern gleich auch biologisch und rassisch. Dabei ging es um alle Nichtgermanen; die Ungarn dienen uns als Beispiel, weil wir auf den kuriosen „Katechismus“ gestoßen sind.
Einleitend erklärt die nationalistische Bekenntnisschrift, dass jeder Deutsche, der in Ungarn geboren wurde, ein Deutschungar ist. Weiters, dass Ungarn nicht immer Ungarn war, vielmehr einst Pannonien, Avarien, später die Ostmark – und so war Ungarn jahrhundertelang deutsch. Zur Zeit Karls des Großen erstreckte sich das Deutsche Reich bis über das heutige Slavonien hinaus.

Nur durch ihre Dummheit und Uneinigkeit hätten die Deutschen die Territorien später verloren.
Nein, es muss nicht unbedingt solche und nachfolgend noch ausführlich zitierte ideologische Extremform des Pangermanismus sein. Konflikte der einzelnen Ethnien mit dem „deutschen Element“, und sei es nur in unbedeutendem Ausmaß, sozusagen auf nachbarschaftlicher Ebene, gab es wohl immer schon, seitdem das „deutsche Element“ Gebiete des Königreichs Ungarn besiedelte. Und das war praktisch immer, seitdem es dieses Königreich gegeben hat.

Ein Gegenpol zwischen Ungarn und Deutschen sowie Slawen und Deutschen war Teil der Realität. Ihre Art ließ „niemanden kalt“. Die Tüchtigkeit der Deutschen führte häufig innerhalb kurzer Zeit zu einer wirtschaftlichen Überlegenheit innerhalb der gemischten Population, was, ähnlich wie später im Fall der Juden, immer wieder zu Spannungen führte. Mit der wirtschaftlichen Überlegenheit gingen eine bessere Bildung und damit bessere soziale Chancen einher.

Der höchste Stolz eines Deutschen soll seine Nation sein, lesen wir im Deutschungarischen Katechismus. Die tüchtigsten Menschen auf der ganzen Welt sind die Deutschen, die besten Frauen für Haus und Wirtschaft sind die deutschen Frauen, sie besitzen Herz und Gemüt, sie besitzen Sparsamkeit und wirtschaftlichen Sinn; die beste und sorgsamste Mutter ist immer die deutsche Mutter, darum soll ein deutscher Mann nur ein deutsches Mädchen heiraten und nie eine Magyarin oder eine andere. Wer ein guter Deutscher bleibt und seine Kinder zu guten Deutschen erzieht, ist der beste Patriot, denn er ist ein tüchtiger Staatsbürger und seine Kinder werden auch tüchtige Staatsbürger unseres ungarischen Vaterlandes sein … Für die Menschheit, für Wissenschaft und Kunst, haben die Magyaren nichts geleistet, während die deutsche Rasse der Welt die größten Gelehrten, Dichter und Künstler gegeben hat. Es ist also eine große Ehre, zum deutschen Volk zu gehören, das über die ganze Welt verbreitet ist.“

Wen wundert es bei einer solchen Einstellung, dass die Beziehungen der nichtgermanischen Bevölkerung zu den deutschsprachigen Nachbarn manchmal problematisch waren?
Die Bedeutung „der Deutschen“ - es waren recht unterschiedliche Deutsche, nicht ausschließlich Schwaben - für die Entwicklung von Wirtschaft, Industrie, Städtebau, Bergbau und Kultur des letzten Jahrtausends haben wir bereits mehrmals hervorgehoben. Über all jene Eigenschaften, die sie tüchtig und überlebensfähig machten - um nicht das Wort überlegen zu verwenden -, brauchen wir nicht zu schreiben, denn sie sind hinlänglich bekannt.

Ob sie tatsächlich tüchtiger und überlebensfähiger als alle anderen waren, können wir hier nicht erörtern, es trifft aber zu, dass viele Deutsche in diese Richtung dachten.
Der 1907 in Wien veröffentlichte Deutschungarische Katechismus ist ein wahrlich beeindruckendes Dokument dieser Weltsicht. Darin wird das Leben des deutschen Bevölkerungsanteils in Transleithanien, also im ungarischen Teil der Doppelmonarchie, polemisch thematisiert.
Der „Katechismus“ stellt eine extreme Ideologie dar. Selbstverständlich dachte und handelte lange nicht jeder „Deutsche“ nach solchen Mustern. Karl Marx war auch Deutscher – und er beschäftigte sich mit sozialen Problemen unabhängig von Sprache und Nationalität. Wir erwähnen ihn mit Absicht: Seine Mutter hieß Henrietta Pressburg und der Großvater Rabbi Isaak Heyman Pressburg.
In den nationalistischen Auseinandersetzungen jener Zeit ging es nicht zimperlich zu:
Wir hören immer buta sváb (dummer Schwabe), disznó sváb (schwäbisches Schwein), kutya sváb (schwäbischer Hund), und was es sonst für schöne Benennungen von Seiten der Magyaren gibt. Nun, auf solche Namen ist das beste, dem Herrn, der schimpft, eine gute schwäbische Watschen zu geben, dass ihm Hören und Sehen vergeht. Da wird so ein Viechskerl schon Respekt kriegen … Wir müssen stolz darauf sein, ja es muss unser größter Stolz sein, dass wir Deutsche sind, wir dürfen nie dulden, dass man unsere Sprache und unsere Nation beleidigt. Und der uns beleidigt, den müssen wir mit Worten oder auch handgreiflich auf’s Maul hauen, dass ihm für immer das Beleidigen unserer Sprache und unseres Volkes vergeht.

Und in diesem Ton geht es munter weiter: Weil ihr guter deutscher Charakter, ihre guten ehrlichen deutschen Sitten in magyarischen Schulen verdorben werden, man erzieht sie dort zu Betyáren ..., die saufen, Karten spielen, großmäulig politisieren, aber nie arbeiten wollen. Sie bekommen die weitverbreitete magyarische Krankheit, sie werden – müd, matt und faul.

Manchmal stoßen wir aber auf Behauptungen, die durchaus einen wahren Kern enthalten: Man schaut nur darauf, ob er ein sogenannter guter Patriot ist, das heißt ein Magyare, der magyarisieren, das heißt jedem Deutschen, Rumänen, Serben und Slovaken die Zunge ausreißen und sie am liebsten aus unserem gemeinsamen Vaterland hinaustreiben möchte.

Die Magyarisierung und der überaus starke Chauvinismus den slawischen Völkern, aber auch den Rumänen gegenüber waren wahrlich kein ruhmreiches Blatt der ungarischen Geschichte. Bis heute sind nicht alle Ungarn dazu bereit, diese Geschichte aufzuarbeiten.

Zwischendurch stellen wir dem Leser eine zweite historische Quelle aus dem Jahr 1844 vor, um damit das Gleichgewicht wieder etwas zurechtrücken. Es geht um Wilhelm Richters Wanderungen in Ungarn und unter seinen Bewohnern, in denen der Autor die moderne Stellung und Richtung Ungarns beleuchten möchte (im Internet abrufbar, 2011 neu aufgelegt). Wilhelm Richter ist ganz offensichtlich ein deutscher Name, und der Autor schreibt in der Einführung ausdrücklich, dass er vor der Verfassung des Buches ein halbes Jahrzehnt in Ungarn gelebt hat. Ansonsten finden sich über ihn kaum weitere Informationen (es handelt sich nicht um den gleichnamigen Maler).

Der Kontrast zwischen dem nationalistischen Katechismus und den fast schon übertrieben ungarnfreundlichen Ausführungen von Wilhelm Richter könnte nicht größer sein: Diejenigen, die in Ungarn alles tun, um fortzukommen, die Männer des Fortschritts, der Aufklärung, die Kämpfer für Bürgerfreiheit und zeitgemässe Institutionen sind Magyaren ... Man fragt sich fast, was diesen Deutschen antrieb, dass er wie der eifrigste ungarische Freiheitskämpfer schreibt.

Diese Sichtweise eines „ungarischen Freiheitskämpfers“ findet man bei Richter beispielsweise, wenn er über die Slawen schreibt. Es macht fast den Eindruck, als ob in seiner Darstellung die Ungarn in die Rolle der „Herrenmenschen“ schlüpfen würden, denen im Karpatenbecken der „selbstverständliche Herrschaftsanspruch“ zusteht:
Selbst die Herren des Landes, die Eroberer, denen mit demselben Rechte Ungarn zugehört, wie den Engländern (Normannen und Angelsachsen)  das Reich der Britten, Scoten, Walliser und Celten, – wie den Osmanen die Türkei, – kurz wie jedes Land dem mächtigen Eroberer zukommt, selbst diese Herren, sage ich, obwohl sie sich noch in grösster Reinheit allen andern Stämmen erhalten haben, bestehen aus mehreren Zweigen und die magyarisch sprechenden Cumanen, Jaczygen, Csekler sind nicht von dem Stamme Arpads.

Den Slawen hingegen wird gewissermaßen die Rolle des „dienenden Charaktertyps“ zugestanden:
Nun stossen wir aber auf die ursprünglich vielleicht allgemeine slavische Bevölkerung, die als Rusniaken, Slovaken, Ruthenen, Hlyror, Serben, Kroaten aus dem innern Kern hinausgedrängt, das Land umwallt, die Gebirge stark bevölkert und die Pussten dem asiatischen Wüstenkinde, den Magyaren überlassen haben. Wenn auch die slavischen Bewohner an Anzahl den Magyaren gleich auf dem Fusse folgen, so verdienen dennoch die ersteren, ohne Rücksicht, dass sie von vornherein die Landesherren durch das unbestrittene Recht der Besitznahme und hundertjähriger Besitzhaltung geworden sind, überall den Vortritt, denn die Magyaren waren der mächtige Wall, an dem sich die Fluth des Osmanenthums brach, die Magyaren waren es, die Jahrhunderte lang mit ihrem besten Blute Europa vor dem Orient retteten, deren Könige und Magnaten, Bürger und Bauern, in Schlachten und Belagerungen den tobenden Sturm über sich herziehen liessen, so dass die Deutschen und Slaven geschützt und gemüthlich am warmen Ofen sassen, höchstens Herrenfehden, d. h. Räuber- und Mordbrennerscenen ihrer hochgelobten Feudalzeit ausmachten, weil sie eben den mächtigen Feind der Christenheit beschäftigt wussten und ihre Thatkraft, ihr starker Arm nicht nach Aussen in Anspruch genommen wurde.

In diesen Zeilen finden wir neben der Verherrlichung der „Herrenrolle“ der Ungarn gegenüber den Slawen auch anerkennende Worte, auf welche die Ungarn seitens der Europäer ansonsten lange Zeit vergeblich gewartet haben: die Wertschätzung dafür, dass sie sich mit enormem Blutzoll gegen die osmanische Übermacht gestellt haben. Fast jeder ungarische Jugendliche liest irgendwann die Sterne von Eger (auch Tödlicher Halbmond, auf Ungarisch Egri csillagok), einen 1899 erschienenen historischen Roman von Géza Gárdonyi, der in der Zeit der türkischen Besatzung im 16. Jahrhundert spielt und die Heldentaten eines gewissen Gergely Bornemissza während der Belagerung der Burg Eger in Nordungarn im Jahre 1552 schildert.

Die ungarnfreundliche Haltung Richters entbehrt nicht einer gewissen Polemik, wenn es darum geht, die Unterschiede zwischen den Völkern zu erläutern: Allerdings kriechen, Rock küssen und immer ‚velkij pann moznij’ sagen kann der Magyar nicht, er ist gerade gewachsen wie eine junge Eiche, und seinem Mangel an Bildung haben die Slaven und Deutschen es zu verdanken, dass der türkische Kaiser seine Haremsbevölkerung nicht aus Böhmen und von Wien rekrutirt ... wann sollten denn die Ungarn die Künste und Wissenschaften des Friedens kultiviren, etwa in jenen Jahrhunderten, als sie sich mit den Türken herumbalgten und mit türkischen Bundesgenossen in Siebenbürgen und der Wallachei? Nein, wir Deutschen und Slaven konnten die Gelehrsamkeit pflegen, mathematische Formeln erfinden, als der Magyar bei Mohacs, Salankemen und Belgrad kämpfte, darum blieben sie zurück, denn man erinnere sich nur, dass vor der schlimmen Epoche Ungarn an Weisheit und Gesittung den ersten Ländern Europas sich anreihte und in keiner Kunst des Friedens zurückblieb.

(Anm. der Autoren: Mit dem letzten Satz könnte Richter die Hochblüte des Königreichs Ungarn unter dem 1490 in Wien verstorbenen Hunyadi Mátyás bzw. Matthias Corvinus gemeint haben, König von Ungarn, Kroatien und zeitweise Gegenkönig von Böhmen, Eroberer Habsburgischer Erblande. 1465 ließ er in Pressburg die Universitas Istropolitana gründen, damals die erste und einzige Universität des damaligen Königreichs Ungarn.)

Richter setzt fort: Also ist es mit dem Vorwurf der magyarischen Rohheit, Rücksichtslosigkeit und Mangel an Bildung bestellt, so zerfällt dieser Vorwurf in Nichts, als boshafte Verleumdung zeigt er sich dem unparteiischen Inn- wie Ausländer. Dumm und schwer von Begriff ist aber der Magyar durchaus nicht, er begreift und fasst leichter auf als der Deutsche und Slave, und seine Trägheit entschuldigt leicht das heisse Klima der Ebene, da die tägliche Erfahrung lehrt, dass der Gebirgsungar ausserordentlich lebhaft und thätig, der Slave in der heissen Ebene auch faul und sogar leicht indolent wird.

In Zusammenhang mit Richters Ungarnfreundlichkeit verdient es wieder einmal der Erwähnung, dass vom ungarischen Volk, der Sprache, Kultur und Mentalität – neben all der Ablehnung der slawischen (und germanischen, wie der Katechismus behauptet) Völker –, zugleich eine geheimnisvolle und romantische Anziehung auszugehen schien. Viele Menschen unterschiedlichster Herkunft ließen sich bereitwillig und in einem kaum begreiflichen Ausmaß zu den Ideen des Magyarentums hinreißen. Es war wohl der Zeitgeist der Revolutionsjahre 1848/1849, der Freiheitskampf der Ungarn gegen die Habsburger, der die Ungarn in ein besonderes Licht rückte. Wir betonen öfters, dass die Magyarisierung des 19. Jahrhunderts und bis zum Zerfall der Monarchie keinesfalls ausschließlich und immer nur „gewaltsam“ verlief, obwohl sie es oft und lange genug tatsächlich war. Ob Juden, Deutsche, Slawen oder andere – viele wurden vom Freiheitskampf der Ungarn inspiriert und mitgerissen. Die Ungarn tragen eine romantisch-träumerische Komponente in ihrer Seele, gespickt mit dem Gefühl des historischen Unrechts, das ihnen vielfach angetan wurde, mit dem Bewusstsein, dass sie es waren, vom christlichen Resteuropa verraten, die das türkische Heer abwehren mussten und dabei ausgeblutet sind. Hand in Hand mit der großen Vergangenheit – nicht wenige Ungarn wollen bis heute ihre Wurzeln von den Sumerern ableiten – gingen die Visionen von einer großen Zukunft einher, vor allem von der Freiheit (gemeint war wie gesagt vor allem die Befreiung aus dem Joch der Habsburger) und auch von einem großen Land mit dem für Slawen und Rumänen provokativen Namen Nagymagyarország (Großungarn).

In den turbulenten revolutionären Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts fanden die nationalen Ideen der Ungarn unter den Völkern Europas verblüffend viel Anklang. In diesem Licht muss man wohl die Ausführungen Wilhelm Richters sehen. Das ist allerdings bloß die eine Seite der Münze. Man darf die andere nicht vergessen: Die träumerischen Ideale der Ungarn von Freiheit wurden nur auf sie selbst bezogen – und viel zu wenig auch auf die anderen Völker innerhalb des historischen Königreiches.

Nichts konnte die Widersprüchlichkeit historischer Perspektiven und Ideologien besser dokumentieren als Teile des Vorworts aus Richters Wanderungen in Ungarn als Kontrast zum Katechismus wortwörtlich zu zitieren. Zwei „germanische Quellen“ bieten offensichtlich zwei völlig konträre Bilder. Diese Einsicht ist eine elementare Lektion für den ausgewogenen Erforscher der Geschichte, um sich davor zu hüten, irgendeine historische Darstellung einer Sache mit der Sache selbst zu verwechseln …
Was die Slawen und ihre eigenen Bemühungen um Freiheit betrifft, scheint Wilhelm Richter viel weniger großzügig als gegenüber den Ungarn zu sein:
... die Neuzeit räumt den Magyaren mit demselben Rechte den Vortritt ein und demgemäss auch ist ihre Nationalität die der ganzen Völkerverbindung, demgemäss gelten ungarische und magyarische Prinzipien als Eins und es ist nur die Sache eines Landesverräthers ... mit dem slavischen Colossen sich zu assimiliren, und in Begründung panslavistischer Körperschaften das heilige Gefühl des Patriotismus zu verletzen, und rücksichtslos lieber den Untergang eines glücklichen Staates, oder doch zum wenigsten Bürgerzwist und Zwietracht herbeizuführen, als alte Vorurtheile aufzugeben und sich den Fortschritten der Gegenwart anzuschliessen.“ Und: „... dieses sind die Slaven, welche unbegründet den Magyaren Mangel an Bildung, Rohheit und Rücksichtslosigkeit zum Vorwurf machen ...

Berlin
Nun aber noch einmal zurück zum Deutschungarischen Katechismus. Die Anziehungskraft des Magyarentums war so stark, dass ihm auch nicht wenige Deutsche zum Opfer gefallen sind. Der Katechismus stellt dies als Tragödie dar und definiert, was unter einem Renegat zu verstehen ist:
Der ehrlosteste, niedrigste Mensch der Welt. Ein Mensch, der als Deutscher geboren ist, aber Magyare sein will und seine Muttersprache und sein Mutterblut verrät und verkauft, der sein eigenes Blut anspeit, missachtet und verfolgt, ein Bluthund, den man auf seine eigenen Volksgenossen hetzt, ein Krakeeler, der alles im Land erschlagen möchte, was nicht magyarisch ist, am meisten aber seine eigenen Volksgenossen verfolgt.

Auf die Frage, wie man sich verhalten solle, wenn man einem solchen Renegaten begegnet, gibt es nur eine kurze Antwort: Ausspucken.

Warum sich die Deutschungarn im Königreich Ungarn bisher so wenig Geltung verschaffen konnten?
Wir haben uns keine Geltung verschaffen können, weil unsere Intelligenz, die deutschen Herrenleute ehrlos und niederträchtig sind und ihr Volk verraten. Sehn wir, wie viele unserer jungen Schwaben, wenn sie studieren gehen und dann nach Hause kommen, als Deutsche verdorben sind, und nichts mehr wissen wollen von deutscher Sprache und Sitte und sogar mit der Mutter magyarisch sprechen wollen. Das aber sollten unsere Führer werden im Kampf um unsere Sprache. Und diese Elenden verraten uns und gehen zum magyarischen Feind über. Solche Verräter, die zu Magyaren werden, nennt man Renegaten.

Nach und nach werden alle Aspekte der ungarischen und deutschen Geschichte erörtert. Die Ungarn hätten das Land nicht erobert, sondern sind nach und nach eingewandert und haben sich festgesetzt, während der größte Teil der Deutschen auswanderte und die Welt erobert hat. Die Zurückgebliebenen waren zu wenige, um sich zu verteidigen, und auch unter sich uneinig, so dass sie von andern Völkern verdrängt wurden. Was man bei uns von der Eroberung Ungarns durch die Magyaren in der Schule lernt, ist Erfindung und Lug und Trug.

Ob sie eine Kultur aus Asien mitgebracht hätten?
Nein, alles was sie heute an Kultur besitzen, haben sie den Deutschen zu danken … selbst die selbständigen Könige Ungarns haben die deutsche Sprache bevorzugt und deutsche Ansiedler nach Ungarn gerufen, um Kultur und Sitte zu verbreiten. Später war die lateinische Sprache die Staatssprache in Ungarn und diese wurde auf den ungarischen Landtagen bis zum Jahre 1830 als Verhandlungssprache benutzt.
Slowakische Nationalisten machen den Ungarn bis heute ähnliche Vorwürfe: Was sie heute an Kultur besitzen, hätten sie (nicht den Deutschen, sondern) den Slawen zu verdanken, die schon lange vor ihnen das Karpatenbecken bewohnten und friedliche Bauern waren. Die Ungarn als wilde Krieger und Nomaden hätten keine Ahnung von Landwirtschaft gehabt und haben alles von den Slawen abgekupfert … Was die Städte in Ungarn betrifft, haben die Deutschen sie gegründet. Es ist keine Stadt im Lande, die nicht Deutschen ihre Gründung verdanken würde, und durch Jahrhunderte wurde in diesen Städten nach deutschen Gesetzen und deutscher Überlieferung Recht gesprochen.

(Anm. der Autoren: Da ist durchaus etwas Wahres dran, auch Pressburg war als Hauptstadt des Königreichs Ungarn überwiegend deutsch.)

Auf die Frage, ob alle Nationen Ungarns die gleichen Rechte haben, antwortet der Katechismus:
Ja, im Gesetz, aber das Gesetz wird nicht eingehalten und überall die magyarische Sprache und die magyarische Rasse bevorzugt … nur achten die Magyaren diese Rechte nicht.“ Genau gleich wie im slawischen Kontext wird die Frage beantwortet, ob ungarisch und magyarisch dasselbe ist: „Nein. Denn Ungarn bedeutet ein Land, die Magyaren aber sind eine Rasse, ein Volk, das in diesem Ungarlande mit anderen Nationen wohnt; geradeso verhält es sich in der Schweiz, wo auch drei verschiedene Nationen im Lande wohnen … oder in Österreich, wo ebenso viele Nationen wie in Ungarn wohnen … Der Name Ungarn kommt von der lateinischen Benennung Hungaria. Hungarus, ein Ungar, ist also jeder Bewohner des Landes, ganz gleich ob deutsch, slavisch, rumänisch oder magyarisch seine Muttersprache ist …
Das Land Ungarn ist also in der magyarischen Sprache nicht richtig als Magyarország benannt, weil Ungarn gehört uns allen, darum wäre es in der magyarischen Sprache richtig ‚Ungarország‘ zu benennen. Wenn die Magyaren sagen Magyarország, so soll das bedeuten, dass da nur Magyaren wohnen, das ist aber nicht richtig, denn nur ein Drittel der Bevölkerung sind Magyaren.

Die nachfolgende Kritik des Katechismus ist nicht haltlos. Der Sprachchauvinismus der Ungarn sprengte zeitweise jede ethische Norm. So erinnerte sich eine Urgroßtante aus der Familie an ihre Schuljahre weit im Osten der Monarchie in Transkarpatien, das damals zu Ungarn gehörte. Als Gedicht für kleine Kinder ist ihr eines ganz besonders in Erinnerung geblieben: A kása nem étel, a Tót nem ember, übersetzt: „Der Brei ist keine (schmackhafte) Speise, der Tót (Slowake) ist kein Mensch“.

Nun das dazu passende Zitat aus dem Katechismus: Denn in Ungarn wird nur magyarisch regiert, trotz Deutscher, Slaven und Rumänen, was ein himmelschreiendes Unrecht ist und zu dem Elend geführt hat, das im ganzen Lande herrscht. Denn es heißt ja alles auf den Kopf stellen, wenn ein Drittel Magyaren über zwei Drittel Anderssprachige mit Feuer und Schwert herrschen soll.

Die geheimnisvolle Anziehungskraft des Magyarentums auf andere Völker jener Zeit wird im Katechismus ebenfalls angesprochen: Warum sagen viele Deutsche, dass sie ‚Ungarn‘ werden wollen? Weil sei dumm sind, vernagelt und blöde. Ungarn seid ihr ja, und das heißt Deutschungarn, in Ungarn wohnende Deutsche, die eines Blutes sind mit den 90 Millionen Deutschen, die auf der ganzen Welt wohnen. Ihr müsst stolz darauf sein, dass ihr Deutsche seid, und nicht Magyaren werden wollen. Der Magyare kann nur durch Gewalt etwas erreichen, indem er wie ein Blutegel vom Deutschen, Slaven, Rumänen sein Geld und Blut saugt und mit seiner Politik alle ins Elend stürzt.

Und auf die Frage, was die Magyaren wollen, wird geantwortet:
Alle anderen Völker, die in Ungarn leben, ihrer Muttersprache berauben, dass alle nur magyarisch sprechen können; man nennt das magyarisieren. Magyarisierung bedeutet Verdummung, das heißt der Magyarisierte kann weder deutsch noch magyarisch und ist dann nur ein Halbmensch.
Und so geht es in diesem merkwürdigen Schriftstück weiter. An den Ungarn wird sprichwörtlich kein gutes Haar gelassen.

Ob man als Deutscher ein guter Patriot sein kann?
Ja, sogar ein besserer; wenn der Magyare große Reden hält, politisiert, sauft und faulenzt, der Deutsche aber arbeitet, so ist gewiss der Deutsche ein besserer Patriot, weil er dem Vaterland Nutzen bringt ... Wenn man sagt, wir sind Schwaben und keine Deutschen, was sollen wir antworten? Wir sollen sagen: so etwas Dummes hat man noch nie gehört, denn Schwabe ist soviel wie Deutscher. Eine schwäbische Schriftsprache gibt’s nicht. Wie wir Schwaben sprechen, das ist nur eine deutsche Mundart, unsere Schriftsprache ist das Hochdeutsche.

Und wenn man als Schwabe verhöhnt wird?
Wir sollen sagen, wir sind stolz darauf, dass wir Schwaben sind, das heißt Deutsche; so gehören wir zur ersten Nation der Welt, die die größte Bildung hat und nicht zu so einer Schnackerlnation, wie die Magyaren sind ... die Mehrzahl der Deutschen Ungarns sind aus Württemberg, Baden und Bayern eingewandert. Und dort sind Kreise, was man bei uns Komitate nennt, die Schwaben heißen. Das ist gerade so, als ob man dem Magyaren aus dem Pestpilischer oder Batschkaer Komitat sagen würde, du bist kein Magyare, sondern ein Pestpilischer oder Batschkaer. Die Schwaben waren hochgeachtet im Mittelalter, sogar die deutschen Kaiser waren sehr oft Schwaben. Auch unser Herrschergeschlecht, die Habsburger, also auch der Kaiser-König Franz Josef ist ein Schwabe.

Selbstverständlich ist Deutsch im Spiegel des Katechismus die beste und bedeutendste Sprache der Welt, … weil sie eine Weltsprache ist … Eine Sprache, mit der man durch die ganze Welt kommt. Überall, in jeder Stadt, in der großen Welt, wird man Deutsche finden oder wenigstens solche, die Deutsch können. Man sieht es am besten an den Juden, die sich als die größten Magyaren geben und alles mit Feuer und Schwert magyarisieren möchten, selbst aber fleißig deutsch lernen … über 100 Millionen sprechen Deutsch, magyarisch aber höchstens 9 Millionen, davon sind 6 Millionen Magyaren. Ist es da nicht eine Dummheit, eine Sprache hinzugeben, die 11mal soviel Menschen sprechen … Kaiser Josef II., der ein gescheiter, großer und guter Herrscher und Mensch war, der Sohn Maria Theresias, wollte das Deutsche bereits zur Staatssprache in Ungarn machen, da er es einsah, dass das Land nur so groß, mächtig und reich werden könnte … Wir wollen die Magyaren nicht deutsch machen. Gott bewahre! Sie sollen sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, aber sie sollen auch von uns nichts anderes verlangen und sie sollen den anderen Nationen in Ungarn die Wahl frei geben, wie sie in ihren Komitaten die Amtssprache haben wollen.
Deutsches Blut kann nur bewahrt bleiben, wenn deutsche Männer nur deutsche Mädchen heiraten: Weil die deutschen Mädchen die schönsten sind … Weil sie die besten Frauen und Mütter und Hausfrauen sind. Die deutschen Frauen sind dafür berühmt in der ganzen Welt … Weil unser deutsches Blut edel und gesund ist, und wir es durch Mischung nur schädigen können … Weil unsere Kinder sicher von der deutschen Mutter die deutsche Sprache schätzen und lieben lernen.

In Anbetracht all der Ausführungen klingt die letzte Frage des pangermanischen Katechismus geradezu versöhnlich:
Soll der Deutschungar seinen magyarischen Mitbürger hassen oder ihm feind sein?“
Die Antwort: O nein, er soll gut unterscheiden zwischen dem magyarischen Chauvinisten, der keine Gleichberechtigung kennt und alles magyarisieren will, und den, Gott sei Dank, noch zahlreichen gerecht und billig denkenden Magyaren, die auch die Rechte ihrer anderssprachigen Landesgenossen ehren. Nur den unduldsamen Maulpatrioten soll er mit Entschlossenheit entgegentreten, den übrigen ein treuer und entgegenkommender Heimatgenosse sein und auch ihre Sprache gern lernen und sprechen, wo es ohne Schädigung der deutschen Muttersprache und des deutschen Selbstbewusstseins möglich ist.
Freilich, auch Wilhelm Richter lobt die deutschen Tugenden, allerdings auf eine viel sympathischere Art als der Katechismus es tut: Die dritte Hauptmasse der ungarischen Bevölkerung, die Deutschen sind sämtlich gastfreundlich aufgenommene Einwanderer, denen der gastfreundliche Ungar Thür und Thor seines vom Kriege entvölkerten Reiches öffnete, ihnen Rechte und Privilegien schenkte, sie als er ihnen die Lasten des gemeinsamen Staatenverbandes aufbürdete, auch an den Vorrechten, an der Vertretung in den Nationalversammlungen Theil nehmen liess. So bevölkerte sich die durch Tartaren verheerte und menschenleer gamachte Zipser  Provinz, die heute eins der gebildetsten und gesittetsten Comitate Ungarns ist, und wo deutsche Colonisten einkehrten, zog mit ihnen auch deutscher Fleiss, Ausdauer, Gesittung und andere schöne Tugenden ein.

Eine gewisse Kritik an den veralteten gesellschaftlichen und politischen Strukturen Ungarns und sogar etwas Selbstkritik klingen bei Richter durch, doch auch ein angemessener Pragmatismus. Die patriotische Treue dem Heimatland Ungarn gegenüber wird nicht in Frage gestellt, eher etwas idealisierend als Hilfe für den magyarischen Bruder im Kampf für Freiheit dargestellt:
„Da heute der deutsche Bewohner Ungarns ... einsieht, dass die Gestaltung einer für ihn günstigen Zukunft von seinem ... Anschliessen an magyarische Interessen abhängt, so kommt er ... aus seiner Zähigkeit heraus und schon zeigen sich die schönsten Blüthen seines echt deutschen Fleisses, denn die deutschen Gemeinden geben sich alle mögliche Mühe bald tüchtige Ungarn auch der Form und Sprache nach zu sein, und nicht bloss wie bisher bei ungarischem Wein und Speck zu vegetiren, sondern kräftig handelnd ihrem magyarischen Bruder im Kampf für Freiheit und Recht, für Licht und Fortschritt getreulich beizustehen, worin sie um so thätiger handeln würden, wenn die ungarische Constitution nicht rein für den Adel geschaffen, diesen nebst der Kirche, – der es doch gar nicht zukommt, – vor allen vertritt, wobei die deutschen Millionen am meisten leiden, da sie als Bürger nur mangelhaft, als Bauern aber gar nicht vertreten werden, und somit mögen die Magyaren es theilweise in der Mangelhaftigkeit ihrer mittelaltrigen Constitution selbst suchen, wenn slavische und deutsche Bürger und Bauern so wenig Sympathie für dieselbe früher verriethen.

Bild: Pozsonyi Kifli Polgári Társulás - Občianske združenie Bratislavské rožky

In wenigen Wochen erscheint im Styriapremium Verlag (Wien) unser neues Buch “Von Pressburg nach Salzburg - Grenzgänge zwischen Städten, Völkern und Regionen der k. u. k. Monarchie”. 

Das Manuskript ist schließlich recht umfangreich geworden. Nicht alles konnten wir im Buch unterbringen. Wir wollen aber die Texte, “die es nicht geschafft haben”, dem Leser dennoch nicht vorenthalten. Im Internet können Sie sich jetzt schon auf das neue Buch einstellen.





(c) 2014 by Robert Hofrichter, Peter Janoviček. Alle Rechte vorbehalten.